GÖTTINGEN. Von den 39 Millionen Haushalten in Deutschland ist weniger als ein Prozent barrierefrei und damit altersgerecht, berichtet Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Südniedersachsen. Der Bedarf betrage bereits heute das vier- bis fünf-fache dessen. Gemeinsam mit vier Obermeistern ist er zu Gast bei einer Projektgruppe der Gesundheitsregion Göttingen e.V. zum Thema „Wohnen im Alter“. Die Teilnehmer beschäftigen sich ehrenamtlich mit der Frage, wie die Menschen in der Region möglichst lange in ihrem Zuhause leben können. Nötig sind dazu etwa rollstuhlgerechte Zugänge, die Entfernung von Stolperfallen und technische Helfer, aber auch die Einbindung in soziale Strukturen zur Vermeidung von Einsamkeit. „Es mangelt nicht an technischen Lösungen“, weiß Armin Asselmeyer, der das Projekt „Wohnen im Alter“ im Mai 2011 ins Leben gerufen hat. Vielmehr gelte es, die Menschen frühzeitig für altersgerechtes Wohnen zu sensibilisieren und zugleich alle Berufs- und Personengruppen stärker miteinander ins Gespräch zu bringen, die mit Wohnen im Alter professionell zu tun haben. In rund zehn Sitzungen diskutieren die Teilnehmer der Projektgruppe daher mit Architekten, Pflegedienstleistern, Ärzten, Kostenträgern und Betroffenen und betrachten das Thema jeweils aus ihrer Perspektive. Das Ziel ist gemeinsames Symposium von Gesundheitsregion und der Mobilen Wohnberatung Südniedersachsen, das sich im kommenden Jahr an alle betroffenen Fachleute in der Region wenden soll. „Je mehr es gelingt, die Anforderungen und Wünsche anderer Berufsgruppen an Wohnen im Alter zu kennen, desto besser können wir gemeinsam älter werdende Menschen unterstützen. Ein Architekt oder Handwerker sollte wissen, welche Herausforderungen ein Pflegedienst oder der Hausarzt des Betroffenen an das Wohnumfeld hat“, ist Asselmeyer überzeugt. Eine wichtige Rolle kommt in diesem Zusammenhang dem Handwerk zu.
Der grundsätzliche Bedarf an altersgerechten Wohnungen, insbesondere im ländlichen Raum, ist sehr hoch, sind sich alle Teilnehmer sicher. Doch die tatsächliche Nachfrage liegt weit dahinter zurück. Oft viel zu spät denken ältere Menschen darüber nach, wo und wie sie älter werden. „Wohnen im Alter ist eigentlich ein Thema, mit dem sich jeder bereits in jüngeren Jahren auseinandersetzen sollte“, rät Asselmeyer. Diese Erfahrung teilt auch das Handwerk. Aufgrund nur geringer Nachfrage, haben viele Betriebe die Bedeutung und des wirtschaftliche Potential noch nicht erkannt, berichtet Gliem. Zwar gebe es bereits Zertifizierungen wie sie beispielsweise der Seulinger Betrieb von SHK-Obermeister Wolfgang Regenhardt seit 2003 hat. Mit ähnlich ausgerichteten Betrieben anderer Gewerke habe er eine Kooperation ins Leben gerufen, so dass sie gemeinsam altersgerechtes Wohnen aus einer Hand anbieten könnten. Ähnlich Erfahrungen hat auch bereits Christian Frölich gemacht. Der Obermeister der Bau-Innung Südniedersachsen realisiert mit seiner Rosdorfer Firma zurzeit ein barrierefreies Wohnobjekt. Individuelle Nachfrage gebe auch bei den Betrieben der Tischler-Innung, berichtet Obermeister Michael Reese und nennt als Beispiel erhöhte Betten. Im Metallbau spielen barrierefreie Türen oder Handläufe eine Rolle, weiß Frank Lipphardt, Obermeister der Metall-Innung Südniedersachsen.
Einen gemeinsamen Ansatz sehen Handwerksvertreter und die Mitglieder der Gesundheitsregion darin, für das Thema „Wohnen im Alter“ bereits in der Lehrlingsausbildung zu sensibilisieren. Hierzu könnten Workshops in den Berufsbildenden Schulen einen Beitrag leisten, die gemeinsam mit der Gesundheitsregion durchgeführt werden könnten. Doch auch gegenüber den Handwerksbetrieben selbst, sei noch Aufklärungsarbeit nötig, macht die Diskussion deutlich. Im Rahmen von Innungsversammlungen soll daher für das altersgerechtes Bauen geworben werden. Für interessierte Betriebe und deren Mitarbeiter soll darüber hinaus ein weiterführendes Angebot entwickelt werden. Der Austausch zwischen dem Handwerk und anderen betroffenen Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen soll dabei im Mittelpunkt stehen. „Das für 2012 geplante Symposium der Gesundheitsregion zum Thema Wohnen im Alter wird sich mit einem Schwerpunkt direkt an das Handwerk wenden“, fasst Asselmeyer ein konkretes Ergebnis der Projektgruppensitzung zusammen. Die Planung wird in enger Abstimmung mit der Kreishandwerkerschaft und der von der Freien Altenarbeit Göttingen e.V. getragenen Mobilen Wohnberatung Südniedersachsen erfolgen.
Pressemitteilung vom 1. Dezember 2011